Flaggenstreit in den 1920ern: Wie Farben Deutschland spalteten
Flaggenstreit spaltet Deutschland in den 1920er-Jahren
In den mittleren 1920er-Jahren erreichte der deutsche Flaggenstreit einen Höhepunkt und trennte die Nation entlang politischer Gräben. Der Konflikt um die Nationalfarben – Schwarz-Rot-Gold gegen Schwarz-Weiß-Rot – entwickelte sich zu einem breiteren Machtkampf zwischen links und rechts. Im Mai 1926 erließ Reichspräsident Paul von Hindenburg ein umstrittenes Dekret, um die Spannungen zu entschärfen.
Die Wurzeln des Streits reichten bis in die Revolutionsjahre 1918/19 zurück. Die Spartakisten und später die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) setzten sich für Rot als Nationalfarbe ein, während viele Konservative zunächst Schwarz-Rot-Gold unterstützten. Mit der Zeit verschob sich die politische Rechte jedoch und machte die alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot zu ihrem Symbol. Die politische Mitte und Linke hingegen blieben den Farben der Weimarer Republik – Schwarz-Rot-Gold – treu.
Bis zur Reichspräsidentenwahl 1925 hatte sich die Spaltung verfestigt: Ein „Schwarz-Rot-Gold-Volksblock“ stand einem „Schwarz-Weiß-Rot-Reichsblock“ gegenüber. Die Ablehnung des Anschlusses Österreichs durch die Alliierten vertiefte die politischen Lager weiter. Die Rechte umarmte zunehmend die kaiserliche Flagge, während die Parteien der „Weimarer Koalition“ an den republikanischen Farben festhielten.
Anfang 1926 forderte die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) die Rückkehr zur alten Reichsflagge. Der parteilose Reichskanzler Hans Luther schlug als Reaktion auf den Antrag einen Kompromiss vor. Hindenburg erließ daraufhin am 5. Mai 1926 die zweite Flaggenverordnung. Das Dekret verfügte, dass deutsche diplomatische Vertretungen außerhalb Europas sowohl die Nationalfarben (Schwarz-Rot-Gold) als auch die Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot) hissen mussten.
Die Verordnung befriedete weder die Hardliner der Rechten noch schützte sie Luther vor Kritik von beiden Seiten. Hindenburg versuchte später, die Krise durch den Aufruf zu einer verfassungsmäßigen Lösung zu beruhigen. Doch die Spannungen griffen auf den Alltag über: Es gab Streit um Mützenbänder, Kirchturmflaggen und selbst Strandflaggen. Beleidigungen und öffentliche Auseinandersetzungen wurden zur Normalität, als der Konflikt eine persönliche Dimension annahm.
Die Flaggenverordnung von 1926 konnte die politischen Gräben nicht überbrücken. Stattdessen legte sie die tiefen Spaltungen der Weimarer Gesellschaft offen. Der Streit um nationale Symbole blieb bestehen – ein Spiegel der größeren Konflikte um Identität und Staatsform in der jungen Republik.






