"Sancta" an der Stuttgarter Oper: Provokation, Schock und ausverkaufte Häuser
Birte Schüler"Sancta" an der Stuttgarter Oper: Provokation, Schock und ausverkaufte Häuser
Ein mutiges neues Werk feiert Premiere an der Staatsoper Stuttgart.Sancta, eine radikale Neuerfindung von Paul Hindemiths einst verbotenem Sancta Susanna, stellt die traditionelle christliche Erzählweise infrage, indem es Frauen ins Zentrum rückt. Die Uraufführung sorgte für derartiges Aufsehen, dass Ärzte 18 Zuschauer wegen Schock oder Ohnmacht während der Vorstellung behandeln mussten.
Die Oper stammt von der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger, deren grenzenloser Stil zunächst die Aufmerksamkeit der Dirigentin Marit Strindlund erregte. Strindlund war von Holzingers früherem Stück Ophelia's Got Talent in Berlin beeindruckt gewesen und hatte es als frische, packende Form der Bühnenkunst bezeichnet. Für Sancta verwandelt Holzinger Hindemiths umstrittenes Original von 1922 – ein Werk, das einst wegen Blasphemie verdammt wurde – in ein viszerales, von Frauen getriebenes Spektakel.
Die Darsteller setzen sich mit Schmerz, Nacktheit und drastischen Anspielungen auf die Wunden Christi auseinander und loten dabei körperliche und emotionale Grenzen im Namen der künstlerischen Expression aus. Strindlund räumt ein, dass die Produktion von ihr verlangte, sich auf ungewöhnliche Bilder, Arbeitsmethoden und sogar neue Formen des musikalischen Erzählens einzulassen. Dennoch beschreibt sie Holzingers Herangehensweise als inklusiv, aufklärend und zutiefst fesselnd.
Viktor Schoner, Intendant der Stuttgarter Oper, verteidigt den provokativen Charakter der Inszenierung. Oper müsse sich aus ihrer traditionellen Blase befreien, ohne dabei die künstlerische Integrität zu verraten, argumentiert er. Gerade wegen – oder vielleicht auch trotz – ihrer Intensität hat Sancta großes Interesse geweckt. Die November-Vorstellungen waren schnell ausverkauft, doch für die Termine im Oktober (3., 4. und 5.) sind noch Karten erhältlich, zusätzlich gibt es eine weitere Aufführung am 1. November.
Die Spielzeit der Oper geht mit vier weiteren Vorstellungen weiter, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Zuschauerreaktionen fielen bereits extrem aus – von medizinischen Zwischenfällen bis zu ausverkauften Häusern. Wer Sancta besucht, kann sich auf eine kompromisslose Auseinandersetzung mit Glauben, Geschlecht und den Grenzen künstlerischen Ausdrucks einstellen.






