Mainzer Dreigroschenoper bricht radikal mit Traditionen – und begeistert
Antoinette HettnerMainzer Dreigroschenoper bricht radikal mit Traditionen – und begeistert
Das Mainzer Staatstheater präsentiert eine kühne Neuinterpretation der Dreigroschenoper
Mit einer radikal modernen Inszenierung der Dreigroschenoper bricht das Mainzer Staatstheater bewusst mit der traditionellen Glanzästhetik des Stücks. Stattdessen setzt die Produktion auf eine schroffe, industrielle Optik, die beißenden Humor mit Bertolt Brechts scharfer Gesellschaftskritik verbindet. Beim Premierenpublikum kam die Aufführung so gut an, dass sie mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde – ein klarer Hinweis auf ihren außergewöhnlichen Erfolg.
Seit ihrer Uraufführung im Jahr 1928 zählt die Dreigroschenoper zu den bedeutendsten Theaterstücken des 20. Jahrhunderts. Das von Bertolt Brecht verfasste Werk mit der Musik von Kurt Weill erzählt die Geschichte des Ganoven Mackie Messer, der sich durch die Londoner Unterwelt schlägt. Evergreens wie Die Moritat von Mackie Messer oder Seeräuber-Jenny haben dem Stück einen festen Platz in der Theatergeschichte gesichert. Brechts Kritik am Kapitalismus gipfelt dabei in dem berühmten Satz: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."
Die aktuelle Fassung unter der Regie von Jan Neumann verzichtet bewusst auf Samt und Art-Déco-Pracht vergangener Inszenierungen. Stattdessen dominieren rohe Betonwände, verrostete Gerüste und LED-Projektionen die Bühne – eine düstere, urbane Dystopie entsteht. Der Kontrast zu früheren Produktionen, etwa der kabaretthaften Originalinszenierung des Berliner Ensembles oder den opulenten viktorianischen Slums der Salzburger Festspiele, ist dabei bewusst gewählt. Neumanns Ansatz spielt sogar ironisch mit sich selbst und fügt so eine spielerische Meta-Ebene hinzu.
Das Ensemble überzeugt mit einer dynamischen Mischung aus Schauspiel und Gesang. Henner Momann, Maren Schwier, Liudmila Maytak und Verena Töhnjes glänzen in ihren Rollen. Doch der heimliche Star der Produktion ist Anika Baumann, die mit komischer Präzision mehrere Figuren verkörpert. Orchester, Crew und Darsteller ernteten bei der Premiere minutenlangen Beifall und hinterließen beim Publikum einen bleibenden Eindruck.
Die Inszenierung stellt dabei auch die Frage, wer eigentlich "die im Dunkeln" sind – die Übersehenen der Gesellschaft, persönliche Ängste oder schlicht die unsichtbaren Kräfte hinter den Kulissen. Neumann webt Brechts Kritik direkt in die Aufführung ein und schafft damit, was Kritiker bereits als "reines Theatergold" bezeichnen.
Die Dreigroschenoper wird 2025 noch viermal im Mainzer Staatstheater zu sehen sein. Die Tickets kosten zwischen 17,50 und 45,50 Euro, wobei der Preis eine Getränkepauschale einschließt. Mit ihrem Mix aus rohem Bühnenbild, scharfem Witz und mitreißenden Darbietungen dürfte diese Produktion noch lange nach dem letzten Vorhang Gesprächsstoff liefern.






