Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerungen tilgte
Goran BolnbachHalberstadts vergessene jüdische Geschichte: Wie die DDR Erinnerungen tilgte
Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit.„Verweigerte Erinnerung“ stellt lang gehegte Annahmen über die Vergangenheit der Region infrage – darunter auch die Versäumnisse ihrer antifaschistischen Politik. Die Studie beleuchtet zudem zentrale Ereignisse wie die Zerstörung der Halberstädter Synagoge 1938 und die spätere Umdeutung einer KZ-Gedenkstätte zu einem politischen Ort.
Der Niedergang Halberstadts unter der NS-Herrschaft begann lange vor Kriegsende. Im November 1938 wurde die Synagoge der Stadt während der Pogromnacht demoliert – der Auftakt zu ihrer systematischen Vernichtung. Pfarrer Martin Gabriel betonte diesen Sachverhalt 1982 und argumentierte, dass der Luftangriff von 1945 nicht der eigentliche Wendepunkt gewesen sei.
Das nach dem Krieg wiederaufgebaute Einkaufszentrum Rathaustpassagen gehörte einst bedeutenden jüdischen Familien wie den Auerbachs, Dessauers und Crohns. Doch ihr Erbe wurde in den folgenden Jahrzehnten weitgehend getilgt. Grafs Recherchen zeigen, dass die DDR trotz antifaschistischer Rhetorik das jüdische Kulturgut nicht bewahrte. Selbst bedeutende Werke – etwa die Musik von Lin Jaldati oder Romane von Peter Edel und Jurek Becker – blieben randständig.
In der Nähe wurde das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge zu einem umkämpften Erinnerungsort. 1949 wurde dort ein Mahnmal für die Opfer von Zwangsarbeit eingeweiht. Doch bis 1969 war es zu einer Kulisse für politische Gelöbnisse umgebaut worden – direkt über den Gräbern von Häftlingen. In den 1970er-Jahren nutzte die DDR die Lagertunnel als Munitionsdepot für ihre Nationalen Volksarmee.
Grafs Essay fordert eine Überprüfung alter Analyseansätze – sowohl linker als auch rechter Prägung. Er plädiert dafür, Autoritarismus und Antisemitismus – ob von rechtsextremer oder staatlich legitimierter Seite – mit den Mitteln von 1949 wie auch von 1989 zu begegnen.
Das Buch wirft ein Schlaglicht darauf, wie Halberstadts jüdische Geschichte übergangen wurde, selbst als die DDR ihr antifaschistisches Selbstbild pflegte. Die Umfunktionierung der KZ-Gedenkstätte und die Tilgung jüdischen Besitzes im Stadtzentrum spiegeln ein breiteres Muster der Vernachlässigung wider. Grafs Arbeit regt nun dazu an, genauer zu hinterfragen, wie solche Erbe abgelehnt wurden – und was das für das Verständnis der Vergangenheit heute bedeutet.






