Bundeskartellamt verklagt dm wegen umstrittenem Online-Apotheken-Modell
Silvester SeipBundeskartellamt verklagt dm wegen umstrittenem Online-Apotheken-Modell
Die deutsche Bundeskartellamt hat rechtliche Schritte gegen die Drogeriemarktkette dm wegen ihres Online-Versandapotheken-Dienstes eingeleitet. Die Klage richtet sich gegen die Praxis des Unternehmens, rezeptfreie Medikamente (OTC) über eine in Tschechien ansässige Online-Plattform zu verkaufen – ein Vorgehen, das nach Ansicht der Aufsichtsbehörden gegen deutsche Apothekengesetze verstößt. Im Kern geht es um die Frage, ob solche Geschäftsmodelle rechtmäßig betrieben werden dürfen und ob sie die Verbraucherschutzstandards im Pharmabereich untergraben könnten.
Die Behörde stützt ihren Fall auf zwei zentrale Punkte. Erstens wirft sie dm vor, in seiner Online-Apotheke illegitim herkömmliche Drogerieartikel mit apothekenpflichtigen OTC-Medikamenten zu vermischen. Nach deutschem Recht dürfen selbst stationäre Geschäfte keine "Apotheken-Ecke" einrichten – diese Regelung müsse auch für den digitalen Verkauf gelten. Zweitens argumentieren die Regulierungsbehörden, das Unternehmen nutze eine rechtliche Grauzone, indem es Rezeptabwicklungen über eine hauseigene tschechische Apotheke abwickle, gleichzeitig aber deutsche Kunden anspreche. Dadurch umginge dm die inländischen Vorschriften zu Eigentumsstruktur und Unabhängigkeit von Apotheken.
Der Rechtsstreit wirft zudem grundsätzliche Fragen für das deutsche Arzneimittelversorgungssystem auf. Sollte das Gericht der Kartellbehörde Recht geben, könnten Händler, die ähnliche Online-Apotheken planen, mit strengeren Auflagen konfrontiert werden, wie sie solche Dienste strukturieren dürfen. Das Urteil könnte entscheiden, ob diese Modelle wirtschaftlich tragfähig bleiben – oder ob sie sich an eine schärfere Regulierung anpassen müssen.
Unabhängig vom Versandapotheken-Streit sieht sich dm mit weiteren rechtlichen Herausforderungen konfrontiert, etwa wegen seiner stationären Sehtests in den Filialen. Hier laufen Verfahren in Düsseldorf und Karlsruhe. Das Unternehmen, das zwischen 2021 und 2026 in 13 europäischen Ländern expandierte, setzte bisher vor allem auf organisches Wachstum durch stationäre Standorte statt auf digitale Apotheken. Zwar startete dm 2023 mit dm Apotheke über eine Übernahme in den deutschen Markt, doch im Ausland arbeitet das Unternehmen mit Partnerschaften – ohne eigenen grenzüberschreitenden E-Commerce für Pharmaprodukte.
Das Ergebnis dieses Verfahrens wird richtungsweisend dafür sein, wie Online-Apotheken in Deutschlands streng reguliertem Markt agieren dürfen. Ein Urteil gegen dm könnte das Unternehmen zwingen, seinen Versanddienst umzustrukturieren oder das Modell vollständig aufzugeben. Für Wettbewerber und Verbraucher wird die Entscheidung zeigen, wo die Grenzen zwischen digitaler Bequemlichkeit und den rechtlichen Schutzmechanismen im Arzneimittelverkauf verlaufen.






